Innovationspsychologie für NPO.

Auf dem Blog Netzwertig.com erschien vor kurzem ein sehr interessanter und einleuchtender Artikel zum Thema Web 2.0 und  «disruptive Technologien» und warum der konstruktive Umgang mit diesen für Unternehmen, Politiker und Medien so schwierig ist.

Die dort aufgestellten Thesen lassen sich indes ohne weiteres auch auf NPO ausdehnen und ihren Umgang (oder eben auch Nicht-Umgang) mit den Entwicklungen im Fundraising wie zum Beispiel Web 2.0 und Social Media:

1. Menschen wenden lineares Denken auf nicht-lineare Entwicklungen an.
Neue Technologien entwickeln sich nicht linear, sondern als S-Kurve: Erst ganz langsam und nur Insidern bekannt, legt die neue Technologie plötzlich an Geschwindigkeit zu, verbreitet sich rasant und verlangsamt sich dann wieder bis zur Marktsättigung. Wenn die neue Technologie so wie das Web 2.0 auch noch verschiedene Varianten besitzt, entwickelt sich jede Variante ein bisschen anders. Menschen denken allerdings eher linear und versuchen, aus dem, was jetzt ist, anhand der Parameter, die ihnen heute bekannt sind, vorherzusagen, was morgen sein wird. Das funktioniert weder beim Klimawandel noch beim Thema neue Fundraising- und Kommunikationskanäle für NPO: Social Media bringen noch keine grossen Spendeneinnahmen und man selbst ist ja auch nicht bei Twitter oder Facebook? Dann ist Web 2.0 wohl auch nicht so wichtig für NPO…

Gestehen Sie sich ein, dass die Parameter menschlichen und gesellschaftlichen Verhaltens, die Sie heute zu kennen meinen, sich ständig ändern – aufgrund weiterer Parameter, die Sie nicht kennen. Behalten Sie neue Entwicklungen im Auge, auch wenn sie zuerst nicht so erfolgversprechend scheinen. Auch der gute Kaiser Wilhelm kannte nur den Parameter «Pferd = funktionierendes Transport- und Verkehrsmittel in der heutigen Gesellschaft» und schloss daraus, dass diese neuen lauten Maschinen auf vier Rädern sich nie durchsetzen würden.

2. Menschen ziehen den bekannten Status Quo einer möglicherweise riskanten Veränderung vor.
Direktmarketing funktioniert nicht mehr so wie früher? Responseraten sinken unaufhaltsam? Neue Spender sind nicht mehr über gedruckte Mailings erreichbar? Statt jedoch in die Entwicklung neuer Kanäle zu investieren, wird munter weiter diskutiert, ob Beilagen im Mailing mehr Response bringen oder ob Umschläge mit dem Absender bedruckt sein sollten oder nicht – Venedig sinkt und man streicht die Hausfassaden. Junge und unternehmerisch denkende NPO sind hier klar im Vorteil – es gibt weniger Errungenes zu bewahren, die Strukturen sind noch nicht so festgefahren.

Gestehen Sie sich ein, dass die Aufrechterhaltung des Status Quo eine Illusion ist.  Beständig ist allein der Wandel, sagte schon Heraklit von Ephesos und auch die Eiszeitmenschen konnten irgendwann nicht mehr über den Vorteil von dickeren Fellen diskutieren, sondern mussten einpacken und in den Süden wandern. Wo dann allerdings schon diejenigen wohnten, die früher auf diese Idee gekommen waren.

3. Menschen möchten sich auf keinen Fall blamieren.
Der soziale Status gegenüber Arbeitskollegen oder Gleichgestellten aus anderen Firmen (sowie Familie, Freunden, Nachbarn) ist fast jedem Menschen im beruflichen Umfeld sehr, sehr wichtig. Wer also eine Entscheidung fällen soll, überlegt sich immer, ob mit der Entscheidung das Risiko einher geht, mehr oder weniger öffentlich auf die Nase zu fallen.

Gestehen Sie sich ein, dass, wer Neues versucht,  manchmal scheitert – vielleicht auch nur beim ersten Mal. Wagen Sie trotzdem etwas Neues, probieren Sie aus, testen Sie. Wenn niemand die Nase vorstreckt, kommt keiner weiter. Der, der sie vorstreckt, ist jedoch schon bald viel weiter als alle anderen, die zu lange gewartet haben. Und kann sich damit sogar mehr oder weniger öffentlich profilieren.

4. Menschen orientieren sich an ihrer eigenen Gruppe.
Die geschlossene Sicht auf die eigene Peer-Group, die eigene Branche, auf das was man kennt, ist in einem sich relativ schnell verändernden Umfeld ein grosses Problem. Denn die grossen Veränderungen kommen ja nie aus der eigenen Branche, sondern fast immer von aussen. Fundraiser orientieren sich oft nur daran, was andere Fundraiser denken, sagen und tun. Was gut ist, wenn man Austausch und Input zu bestehenden Themen sucht, mit denen man täglich zu tun hat. Was aber fatal ist, wenn «draussen»  Veränderungen vor sich gehen, die «drinnen» noch keiner wirklich erkannt oder ernst genommen hat.

Gestehen Sie sich ein, dass es ausserhalb Ihrer «Branche» noch viele andere gibt, von denen Sie wichtige Impulse bekommen und lernen können. Suchen Sie Socialcamps auf, lesen Sie psychologische Artikel, unterhalten Sie sich mit Unternehmern, besuchen Sie einen Zukunfts-Kongress, abonnieren Sie Marketing-Blogs… – was auch immer. Suchen Sie regelmässig Kontakt nach «draussen», damit Ihre Arbeit «drinnen» befruchtet wird.

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