Wir haben gestern das neueste Video von MSF United Kingdom auf YouTube gesehen und in der Fundraising-Gruppe auf Xing zur Diskussion gestellt. Die sich gemeldet haben, fanden es “eklig” bis “unethisch”. Auch MSF selbst ist sich anscheinend nicht ganz sicher, was sie davon halten sollen, denn auf der Website von MSF UK wird das Video ganz offen zur Diskussion gestellt und um Feedback gebeten.
Als Fundraiser finden wir das Video nicht an sich schlecht oder unseriös. Wir finden die Qualität (erkennbarer Ton-Loop) des Ganzen zwar etwas dürftig, aber die wirklich wichtige Frage stellt sich für uns in einem ganz anderen Zusammenhang:
Was bietet MSF dem Spender als Lösung gegen das beschriebene und gehörte Grauen? MSF kann den Jungen medizinisch versorgen, aber wie sieht es mit der psychologischen Betreuung für ihn und seine vergewaltigten Schwestern aus? Kann MSF seine Eltern wieder lebendig machen, ihm neue Eltern verschaffen? Dafür sorgen, dass er trotz allem einigermassen gesund heranwächst? Dafür sorgen, dass solche Dinge in unserer Welt nicht mehr geschehen?
Wo steht also meine kleine Spende im Verhältnis zum Ausmass des im Video geschilderten Grauens? Gibt mir dieses Missverhältnis als Spender nicht eher ein machtloses als ein motivierendes Spendegefühl? Und, indem mich das Video diese unlösbaren Fragen stellen lässt, ist es nicht eher ein Eigentor für MSF?
Oder denken die meisten Spender gar nicht so weit? Was meinen Sie?
Wir haben diese Fragen auch Polly Markandya von MSF UK gestellt – sie schreibt dazu Folgendes (sinngemäss übersetzt):
«Ich stimme bei, dass der Spot zwar das Grauen, das wir in unserer Arbeit miterleben, gut zeigt. Aber vielleicht nicht so gut erklärt, wie wir helfen und was wir dagegen tun. Man kann in einem 60-Sekunden-Spot eben nur begrenzt Kommunikationsziele erreichen. Der Spot richtet sich daher vornehmlich an die breite Öffentlichkeit, die leider meist nicht wirklich nachdenken will über die Situation an Orten der Welt, die wir selbst so gut kennen. Wir hoffen daher, dass dieser direkte und erschütternde Audiospot die Menschen in ein Leben hineinzieht, das sich sehr von ihrem eigenen unterscheidet und ihnen bewusst macht, dass MSF eben an diese Orten ist und hilft.
Der Spot wurde von unserer Kommunikationsabteilung und unserer Pro Bono Werbeagentur McCann Erickson als Bewusstseins-Werbung kreiert, nicht so sehr als Direct-Response Fundraising-Werbung. Deshalb bricht der Spot auch einige “Fundraising-Regeln”.
Ich muss sagen, dass die Anzahl der Feedbacks, die wir erhalten haben, ob direkt wie Ihres oder auch via Blogs etc., zeigt, dass der Spot Menschen wirklich berührt – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.
Ich verstehe völlig, wie verstörend das Audio ist und ich denke, für Eltern ist es besonders schwierig (ich habe selbst zwei kleine Kinder). Aber insgesamt denke ich, es wirkt und es ist weniger entwürdigend für das Kind als ein visuelles Bild seines Leidens.»
(Email von Polly Markandya, Interim Head of Communications, Medecins Sans Frontieres, London)
