Von Krisen und Komplexen.

Die Krise scheint glücklicherweise wieder am Abflauen. Es wäre doch sicher interessant,  einmal zu analysieren, welche Anteile an Krisen den Negativszenarien der Medien und welche den internen Aufräumarbeiten der Unternehmen zu verdanken sind. Und wieviel echte Krise dann noch übrigbleibt…

Aber wie dem auch sei: Hauptsache, es ist bald vorbei. An unserer Umfrage zur Krise im Juli haben sich zwar nur wenige NPO beteiligt. Aber die, die sich beteiligt haben, melden:
Keine Rückgänge an privaten Spenden.
Keine Rückgange in der öffentlichen Förderung.
Keine bemerkbaren Auswirkungen der Krise.
Und erwarten ein gleichbleibendes Spendenvolumen in den nächsten 12 Monaten.

Schwierigkeiten gibt es wohl teilweise mit der Stiftungsförderung. Ein Teilnehmer gibt
extrem lange Bearbeitungszeiten für Anträge an und schreibt, dass manche Stiftungen die bisherige Förderung dieses Jahr nicht wiederholt haben.

All dessen ungeachtet mailte vor zwei Tagen Alexander Glück, Author des vielbesprochenen Buches «Der Spendenkomplex» ein Rundmail an seine Leser. Darin beschwört er nun auch noch eine sich abzeichnende Spendenkrise und wirft dabei wieder mit negativen Pauschalaussagen um sich. Fundraising sei von der «angeblich prosperierenden Zukunftsbranche zum Selbstversorgerflop geworden und zahlreiche Neulinge, die vierstellige Gebühren für eine nicht zukunftssichere Ausbildung bezahlt haben» stünden nun ohne Perspektive da. Der Spendenmarkt stünde «kurz vorm Kollabieren weil wegen der Krise jeder zuerst an sich selbst denken zu müssen» glaube. (Merkwürdigerweise gibt es in den USA, wo die Krise ja mit am schlimmsten gewütet hat, dieses Jahr 24’000 offene Stellen für Fundraiser…)

So gibt es nun, oh Jubel, schon einen Verlag für den Anschlussband «Die verkaufte Verantwortung. Das stille Einvernehmen im Fundraising.», das laut Alexander Glück «noch etwas saftiger und zugespitzter» werden soll als das erste Buch.  Wie schön.

Man mag vom Buch «Der Spendenkomplex» halten was man will. Herr Glück hat sicher recht, wenn er auf Missstände hinweist und sagt, dass sich im Spendenmarkt etwas ändern muss.
Darauf weist ja unter anderem auch schon die wachsende Anzahl von Spendern hin, die sich ihre Projekte selbst machen/suchen und Spender-Communities beitreten. Es braucht Transparenz, professionelle Strukturen, echte Kommunikation mit den Menschen und vor allem die Bereitschaft zur Veränderung.

Wir wehren uns jedoch nachdrücklich gegen pauschalisierende Verallgemeinerungen und Verunglimpfungen eines ganzen Sektors unserer Gesellschaft.
Laut denen zum Beispiel das Gros der Menschen, die eigene Hilfsinitiativen starten, psychisch krank und vereinsamt sind, ihr eigenes Leben aufwerten wollen und dabei das Geld ihrer Spender nutzlos verbraten.
Nach denen Patenschaften eine Goldgrube für Pädophile sind und von Wohlstandseltern genutzt werden, um ihre eigenen Wohlstandskinder zu erziehen oder um selbstherrlich in das Kulturgut der Bespendeten einzugreifen (z.B. beim Thema Mädchenbeschneidung).
Nach denen Patenkinder eine «mentale, nicht-körperliche Prostitution» eingehen und es auf der anderen Seite in unserer Gesellschaft ein ebensolches Freiertum gibt.
Nach denen deutsche Spender spenden, um ihr Gewissen zu beruhigen oder auch um sich unbewusst aus der «geschichtlichen Last» freizukaufen. Usw.
Alles so gelesen im «Spendenkomplex».

Kritik ist grundsätzlich gut. Kritik kann etwas in Gang und uns alle weiter bringen. Kritik muss dazu jedoch auch konstruktiv, klar und differenziert erfolgen. Und die vielen guten Beispiele für effektive NPO-Arbeit und für effektiven Spendeneinsatz ebenso zeigen wie die negativen. Denn ohne den Einsatz von NPO und Spendern wäre die Welt noch um Einiges ärmer, kranker, hungriger und gottverlassener als sie es heute ist!

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Eine Antwort zu “Von Krisen und Komplexen.”

  1. Ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Buch “Der Spendenkomplex” habe ich mit Interesse gelesen. Genau um diese Resonanz geht es mir bei meiner Arbeit: daß durch meine veröffentlichten Diskussionsbeiträge eben auch Widerspruch provoziert wird. Dann sind die Aussagen nämlich angekommen und wurden (oder werden) reflektiert.

    Wie sich die Krise genau auf das Spenderverhalten auswirkt, läßt sich freilich anhand einer willkürlichen Umfrage nicht allgemeingültig ermitteln. Die bisherige Stagnation ist hinreichend dokumentiert, und wenn die Szenarien eintreten sollten, die Pessimisten hinsichtlich der Wirtschaftsentwicklung an die Wand malen, kann sich auch im Dritten Sektor noch weitaus mehr ergeben, als sich heute durch Momentaufnahmen ermitteln läßt. Meine persönliche Prognose ist, daß es dann schwierig werden dürfte, den Fundraisingsektor aus rückläufigen Spendeneinnahmen satt zu bekommen.

    Was die von Ihnen aufgeführten Inhalte aus dem “Spendenkomplex” betrifft, möchte ich Ihnen mitteilen, daß damit keine Pauschalierung beabsichtigt ist. Es gibt unzählige Beispiele für Oberflächlichkeit und Manipulation, unzählige Beispiele für die dargestellten Intentionen, und nicht zuletzt haben Buchautoren natürlich auch ein eigenes Depot an Erfahrungen, die immer in ihre Texte mit einfließen. Daß diese Dinge jedoch nicht Allgemeingültigkeit beanspruchen können: auch das steht im “Spendenkomplex”, kann aber von Leuten, die sich schon nach wenigen Seiten hinter einer Meinung verschanzt haben, auch überlesen werden.

    Mein Anliegen ist, wie Ihres, die Debatte. Mit Zuspitzungen wie den von Ihnen beklagten löse ich Denk- und Widerspruchsprozesse aus. Die Konsequenzen und Ergebnisse der sich anschließenden Diskussion sind auch für mich offen. Daß es aber in einer rein affirmativen Buchlandschaft nun auch einmal ein oder zwei Bücher mit offener Kritik gibt, sollte auch aus Ihrer Sicht tolerierbar sein.

    Ihrem Wunsch nach mehr Differenzierung wird es sicher entgegenkommen, daß “Die verkaufte Verantwortung” rund 300 Fußnoten mit Quellen- und Literaturangaben enthält.

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