Geschichten für Spender.
Hier in deutschsprachigen Fundraising-Gefilden setzen wir zwar in unseren Mailingbriefen immer wieder traurige Einzelschicksale ein, aber oft mit einem mehr oder weniger schlechten Gewissen. Den Einen scheinen sie zu weit hergeholt, den Anderen zu emotional. Aber muss so eine «Schicksals»-Geschichte denn immer traurig sein? Gibt es in unserer Arbeit nicht auch erfreuliche, triumphierende, motivierende Schicksale? Können wir davon erzählen, um unsere Spender zu motivieren? Sollten wir nicht alle Arten von Geschichten sammeln und sie nicht nur in Mailings einsetzen, sondern auch im Internet, bei Events, in Gesprächen mit Grossspendern? Und: braucht es Geschichten?
Hier eine Auswahl von Artikeln und Meinungen zum Thema Geschichten:
Geschichten machen Fremde zu Freunden zu Spendern.
Network for Good schreibt: Sie tun gute Arbeit, sogar grossartige Arbeit. Trotzdem ist das erst einmal gar nicht wichtig. Wenn Sie Ihre Spenderbasis vergrössern, mehr Stiftungsgelder bekommen, mehr Ehrenamtliche überzeugen wollen, dann müssen Sie aus Fremden Freunde und aus Freunden Fans und Spender machen.
Dazu müssen Sie Geschichten erzählen können. Überzeugende menschliche Geschichten. Einfache Geschichten. Nachvollziehbare Geschichten. Geschichten, die den Werten Ihrer Zuhörer entsprechen. Geschichten, die ihnen keine Ruhe mehr lassen. Bis sie geholfen oder gespendet haben.
Komplizierte Geschichten sind keine Geschichten. Geschichten, die in Ihren Worten erzählt werden, sind auch keine Geschichten. Claims und Fahrstuhlreden sind auch keine Geschichten. Erzählen Sie Geschichten aus dem Stoff, aus dem Ihre Organisation gewoben ist. Das kostet nichts, Sie können sofort damit anfangen. Und es funktioniert.
Geschichten aus Leidenschaft.
Per Stenbeck, Fundraising-Direktor bei UNICEF Genf, sprach beim letzten Internationalen Fundraising-Kongress über Geschichten in Verbindung mit der Leidenschaft, die ein Fundraiser haben muss, um erfolgreich zu sein:
Leidenschaft im Sinne von Passion ist ein lateinisches Wort. Es bedeutet ursprünglich Leiden. Heute steht es für starke Gefühle – positiv und negativ. Leidenschaft ist Liebe und Lust, aber auch Hass und Wut. Es ist Freude und Verzweiflung, Lachen und Tränen.
Manche NPO erzeugen mehr Leidenschaft als andere. Greenpeace ist eine von ihnen. Die Menschen lieben oder hassen Greenpeace. Nur wenigen ist Greenpeace egal. Als neuer Direktor von Greenpeace nahm ich vor zehn Jahren an einer Strassenaktion in Stockholm teil. Als ich da in meinem Greenpeace-Overall stand, kam eine junge Dame zu mir und sagte: «Sie sind mein Held. Ich wünsche mir, dass meine zwei Jungs auch bei Greenpeace sind, wenn sie gross sind.» Sie nahm ihren Geldbeutel heraus und leerte den Inhalt in meine Tasche. Es war eine sehr bewegende Situation von Liebe und Vertrauen. Ein paar Minuten später kam ein alter Mann und sagte: «Ihr meint wohl, Ihr steht über dem Gesetz? Leute wie ihr sollten erschossen werden. Ich weiss, wovon ich rede, weil ich bei den Nazi-Todeskommandos im Baltikum dabei war!» Ich bekam wirklich Angst, aber er zog keine Pistole. Er spuckte mich an und ging. Jetzt arbeite ich für Unicef. Die Wahrheit ist, dass niemand Unicef hasst. Das ist wohl gut. Niemand spuckt mich an auf der Strasse. Aber liebt jemand Unicef? Vielleicht nicht mit der gleichen Leidenschaft, wie ich es bei Greenpeace erlebt habe.
Was sind also die Qualitäten, die einen Star-Fundraiser von einem mittelmässigen Fundraiser unterscheiden? Die Liste der gefragten Qualitäten enthält meist soziale Kompetenzen, Marketing-Kompetenzen, Empathie, Kreativität, Ausdauer, Überzeugungskraft und Einfühlungsvermögen, aber die wichtigste Qualität ist meist Commitment (Anmerkung BBAG: eine starke persönliche Verpflichtung). Ein starkes Commitment gegenüber der Sache ist Bedingung für wirklichen Erfolg im Fundraising. Commitment unterscheidet Fundraising vom kommerziellen Marketing. Niemand kann erwarten, dass Sie Toilettenpapier oder Tabak lieben mit dem mit dem gleichen Commitment, mit dem Sie sich im Kampf gegen Kindesmisshandlung, Walfang oder Krebs einsetzen würden. Kommerzielle Kunden erwarten kein solches Commitment. Spender tun es. Commitment ist Ihre innere Überzeugung, dass Ihr Anliegen wichtig ist, etwas, an das Sie zu hundert Prozent glauben. Solches Commitment bekommt man, wenn man sieht, welchen Unterschied eine Organisation macht. Fundraiser müssen das sehen können und Ihre NPO sollte in solches Commitment investieren. Commitment und Leidenschaft gehen Hand in Hand. Commitment ist der Ausdruck Ihrer Leidenschaft.
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Manche von uns haben ein natürliches Talent für Leidenschaft, aber alle von uns können lernen, leidenschaftlich von etwas zu reden, von dem wir überzeugt sind.
Leidenschaft spricht mehr zum Herzen als zum Kopf. Deshalb ist Leidenschaft im Fundraising so ein wichtiger Verbündeter, denn Fundraising ist eine Angelegenheit des Herzens. Die meisten von ihnen sind wohl vertraut mit dem berühmten 3-Schritte-Ansatz im Fundraising: «Öffne ihre Herzen, öffne ihre Köpfe, öffne ihre Scheckbücher.» Immer in dieser Reihenfolge. Wenn Sie es nicht schaffen, Herzen zu öffnen, wird Ihre Spendenbitte versagen. Es ist daher OK, im Fundraising emotional zu sein. Es ist OK, an das Herz zu appellieren, anstatt an den Kopf.
Erzählen Sie Geschichten aus Ihrer eigenen Erfahrung, damit Ihre Leidenschaft fliessen kann. Dies ist eine meiner wahren Geschichten, die ich öfters erzähle: Vor einigen Jahren, als ich für Save the Children Schweden arbeitete, besuchte ich Nord-Jemen, wo wir eine Anzahl von Gesundheits-Kliniken unterstützten. Unter anderem eine Klinik in Taiz hoch in den Bergen. Ich kam früh am Morgen an. Es war furchtbar kalt. Als die Klinik um 8 Uhr öffnete, hatten sich Mütter und Kinder, in viele Kleider gepackt, am Eingang versammelt und warteten geduldig auf Hilfe. Ich bemerkte zwei der Frauen, die jede ein Baby trugen. Die beiden Babies waren offensichtlich sehr krank. Es stellte sich heraus, dass eines von ihnen Lungenentzündung hatte und das andere Durchfall. Das kleine Kind mit Lungenentzündung kämpfte um jeden Atemzug. Ihre Mutter wurde zu einem Hocker im Gang geführt, neben einem rostigen Sauerstoffbehälter. Sie sollte ihrer Tochter die Sauerstoffmaske vors Gesicht halten, um ihr beim Atmen zu helfen. Ich beobachtete, wie sie um das Leben ihrer Tochter kämpfte. Plötzlich hörte das kleine Mädchen in ihren Armen auf zu atmen und starb. Ich fühlte mich als Eindringling, als ich da stand und die Mutter in ihrer Verzweiflung beobachtete. Zuhause in Schweden hatte ich eine gesunde Tochter im gleichen Alter und ich dachte, wie hoffnungslos unfair unsere Welt ist. Das andere kleine Mädchen mit Durchfall bekam eine orale Rehydrations-Therapie. Diese ist so einfach und doch so wunderbar effektiv. Man sagt einfach der Mutter, dass sie ihr Kind löffelweise mit Wasser gemischt mit Zucker und etwas Salz füttern soll. Nach ein paar Stunden ist der Unterschied wie Zauberei. Das kleine Mädchen hatte wieder leuchtende Augen und war nicht mehr in Gefahr. In solchen Gesundheits-Kliniken in Europa geht es um kleine Wehwehchen. In der Dritten Welt geht es um Leben und Tod. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen.
Wenn ich Sie jetzt fragen würde, ob Sie dieser Klinik in Taiz etwas spenden würden, würden Sie es sich nicht überlegen? Wenn ja, würden Sie meinen Punkt beweisen über die Macht des leidenschaftlichen Geschichten-Erzählens.
Meine drei goldenen Fundraising-Regeln:
- Seien Sie bereit und nutzen Sie die Möglichkeit, wenn sie sich bietet.
- Seien Sie mutig. Im Fundraising müssen Sie Risiken eingehen und hohe Ziele setzen. Wenn Sie wollen, dass der Papst ihre Kampagne unterstützt, dann versuchen Sie’s. Coca Cola wird das nie schaffen. Vielleicht schaffen Sie es.
- Seien Sie leidenschaftlich. Leidenschaftliche Fundraiser entzünden die Leidenschaft auch in Spendern. Leidenschaftliche Spender geben mehr, bleiben länger und unterstützen Sie nicht nur mit Geld, sondern auch mit ihrer Stimme und mit ihrer Tatkraft, wenn Sie es brauchen. Ein leidenschaftlicher Spender ist ein loyaler Spender, ein wahrer Freund fürs Leben.
Also bringen Sie Ihre eigene Leidenschaft heraus und setzen Sie sie in Ihrem Fundraising ein. Sie werden auf jeden Fall mehr Spenden einnehmen. Und Sie könnten dabei sogar die Welt ändern.
Per Stenbeck, Auszüge aus einer Präsentation am 27. Internationalen Fundraising Kongress in Nordwijkerhout, Holland, Oktober 2007.
Geschichten haben überall Platz.
Die Forschung zeigt, dass eine gute Geschichte über einen einzelnen Menschen Spender mehr bewegt als allgemeine Information über ein Projekt oder auch Geschichten über mehrere Menschen – sagt Ms. Leroux Miller, die den Blog Nonprofit Communications betreut. Ihre 10 Tipps für das Geschichtenerzählen in der NPO-Kommunikation beinhalten unter Anderem:
- Erzählen Sie in jeder Rede, die Sie halten, die Geschichte eines Menschen.
- Erzählen Sie in jedem Spendenbrief von einem Menschen, dem Sie helfen.
- Liefern Sie jedem Ihrer Vorstände mindestens eine gute Geschichte, die sie weiter erzählen können.
- Setzen Sie eine Geschichte ein,wenn Sie den Lead einer Pressemitteilung verfassen.
- Setzen Sie auf der Einstiegsseite Ihrer Website wechselnde Geschichten ein von den Menschen, denen Sie helfen.
(Anmerkung BBAG: Was für Menschen gilt, ist natürlich genauso richtig im Fall von Tieren oder Flüssen oder sonstigen «Einzelfällen»!)
Give & Take Blog, 24. August 2007
Testimonials: Geschichten für Grossspender.
In seinen Strategien für Grossspenden-Kampagnen schreibt Robert Swanson auch über die Strategie der Testimonials:
«Manchmal vergessen Grossspender, wie sehr sie Ihre Organisation lieben und schätzen, wenn sie die Summe lesen, die Sie von ihnen wollen. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Klienten sie daran erinnern, warum Ihre Organisation wichtig ist.
Manchmal muss eine Geschichte von der Organisation logisch richtig erzählt werden. Aber die besten Testimonials sind immer in der ersten Person Einzahl. Sie können tragisch sein, triumphal, lustig oder ernsthaft. Aber eine gut erzählte Geschichte von jemandem, dem Ihre Organisation geholfen hat, wird immer eine emotionale Spendenverbindung verstärken können.
Schneiden Sie die Geschichte und ihren Erzähler auf Ihren potentiellen Spender zu. Alle Testimonials sind nicht gleich geschaffen. Verknüpfen Sie die Geschichte mit den Interessen des potentiellen Spenders.
Überfallen Sie Ihren Spender nicht mit dem Testimonial. Rufen Sie drei Tage vorher an, bevor er es erhält. Rufen Sie drei Tage danach an. Reden Sie dann nicht über das Testimonial, sondern über Ihre Kampagne. Überlassen Sie das gedankliche Knüpfen der Verbindung zwischen Testimonial und Spenden-Entscheidung nicht dem Glück.
Wählen Sie den richtigen Kanal für das Testimonial. Es kann geschrieben sein. Es kann auf Video oder DVD aufgenommen sein. Es kann ein Foto sein oder auch mehrere Fotos. Es kann persönlich vom Klienten geliefert werden oder von jemand, der für ihn sorgt. Seien Sie taktvoll in Bezug auf Ihren Spender und auf die Geschichte.
NonProfitTimes Instant Fundraising, Strategien für Kampagnen-Probleme, Robert Swanson, 2004
Unser Kommentar:
Können Geschichten zu weit gehen? Zu emotional sein für unseren europäischen Geschmack?
Gute Geschichten, mit Leidenschaft erzählt, braucht das Fundraising auf jeden Fall. Klar ist jedoch auch, dass sie alleine nicht reichen. Geschichten müssen immer vor einem Hintergrund von gesellschaftlicher Relevanz und Glaubwürdigkeit erzählt werden, um langfristig Gehör zu finden. Denn wer als NPO nicht (mehr) relevant ist, kann auch keine relevanten Geschichten erzählen. Und wer das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren hat, dem hört keiner mehr zu.
10.12.08

