Neue Location, neues Format: Wir waren sehr gespannt auf den gestrigen Swiss Fundraising Day. Hier ein paar Highlights:
Einstiegsreferat von Frau Eckhardt von SwissFoundations zum Thema “Schweiz = Stiftungsparadies?”
Obwohl Frau Eckhardt davon auszugehen schien, dass alle Anwesenden bezahlte Honorar-Fundraiser seien, lieferte sie doch einige interessante Fakten und ein paar gute Tipps für Antragsteller:
- keine Massenmailings an Stiftungen
- authentische Unterlagen mit “Stallgeruch” sind besser als allzu gestylte Unterlagen
- Offenlegung allfälliger Honorare (Provisionen sind völlig tabu)
- keine Budgetkosmetik
- ethische Richtlinien immer kommunizieren! Viele Stiftungsräte wissen gar nicht, dass es solche im Fundraising gibt.
Issue Session “Transparenz und Accountability”
Thomas Kurmann stellte folgende Thesen auf:
1. Fundraising- und Administrationskosten-Indizes sind irreführend.
2. Ein gesundes Mass an Transparenz schafft Vertrauen, auch wenn Fehler kommuniziert werden. Zuviel Transparenz kann jeodch dem Image schaden.
3. Es sollten mehr Indikatoren für die Wirkung von NPO geschaffen werden.
4. Spender werden zuwenig in Entscheidungsprozesse von NPO eingebunden.
5. NPO kommunizieren zu defensiv.
Die Podiumsteilnehmer (Ziegerer/Zewo, Bigler/HEKS, Purtschert/VMI) gaben dann Statements zu den Thesen ab bzw. diskutierten diese. Alle schienen sich mehr oder weniger einig,
- dass es keine wirklich objektiven Indikatoren gibt, um die Kosten bzw. den Nutzen von NPO zu messen, da die NPO untereinander viel zu heterogen sind. Und dass Rankings wie in der IDEAS-Studie die Branche nicht weiterbringen. Dass NPO jedoch dafür verantwortlich sind, selbst Indikatoren für ihre Wirkung auszuarbeiten und zu kommunizieren, denn NPO erzählen zu wenig, was sie tun, leisten, bewirken.
- dass NPO eine Branchenvertretung brauchen (?)
- dass Transparenz wichtig ist, sowohl in punkto Finanzen/Kosten als auch in punkto Leistung. NPO, die Rechenschaft fordern von Firmen, müssen selbst auch bereit sein, der Öffentlichkeit und den Spendern Rechenschaft abzugeben.
- dass es mehr Möglichkeiten geben muss für Spender, mitzureden. Selbst wenn man nicht immer alles so tut, wie sie es vorschlagen. Denn Mitspracherecht, auch wenn es nie ausgeübt wird, “erhöht das Wohlbefinden” (Purtschert) der Spender.
Auf die Frage, wo der Grat zwischen einem “gesunden Mass an” und “zuviel” Transparenz liegt, war die Antwort, dass man abschätzen müsse, ob der jeweilige Transparenzaufwand noch kosteneffektiv sei bzw. dass Fundraising als solches dem Laien nicht vermittelbar sei (am Beispiel der Kosten von Standaktionen).
Das mag sein, allerdings lassen sich solche “nicht-vermittelbaren” Fakten heute auch nicht mehr wirklich verheimlichen. Die Frage bleibt also weiterhin: gibt es so etwas wie zuviel Transparenz für NPO? Oder müssten wir nicht dafür sorgen, unsere Öffentlichkeit proaktiv zu informieren, in punkto Fundraising Bewusstsein zu bilden? Wollen wir wirklich abwarten, bis ein findiger Journalist oder ein verärgerter Mitarbeiter diese Bomben zündet und dann mit dem negativen Fallout umgehen? Welche NPO hat für diesen Fall schon ihre Krisen-PR vorbereitet? Stecken nicht auch hier die Köpfe im Sand?
HEKS geht mit gutem Beispiel voran und wird in der Spenderzeitschrift eine Rubrik zum Thema “Fehler/Probleme/Misserfolge” lancieren. Und sich bemühen, die konkrete Wirkung genau umrissener Projekte zu beschreiben anstatt Meta-Probleme wie den Hunger auf der Welt beseitigen zu wollen.
Issue Session Spenderbindung und Loyalität.
Diskutiert wurde wieder auf dem Podium (Arnold/Caritas, Kroll/Greenpeace, Züger/UZ, Rohner/Vivamos Mejor, Pradervand/World Vision), ausserdem gab es ein kurzes Video von einer Spenderbefragung und mehrere Kurzvorträge der Podiumsteilnehmer.
Die Spenderbefragung zeigte nicht-repräsentativ aber interessanterweise, dass zwei Drittel der Befragten NICHT vorhatten, wegen der Krise bewusster zu spenden (wobei der Unterschied zwischen Absichtserklärungen und tatsächlichen Handlungen natürlich nie vergessen werden darf). Auch interessant war die Tatsache, dass die Befragten grösseres Vertrauen in grössere/internationale NPO hatten und dass sie überdurchschnittlich oft Médecins sans frontières nannten, und an zweiter Stelle das Rote Kreuz.
Viele NPO haben schon sehr loyale Spender, da aber die systematische Datenerfassung oft noch nicht so alt ist, werden viele von ihnen nicht bemerkt. Jörg Arnold führte das Beispiel einer 90jährigen Dame an, die 40 Jahre lang gespendet hatte, allerdings nur 20 Franken im Jahr. Man war nur auf sie aufmerksam geworden, weil sie nun nicht mehr spenden wollte… Wäre die Bindung früher erkannt worden, hätte man die Beziehung evtl. ja auch aufbauen können.
Greenpeace setzt auf neue Instrumente wie social media, um Bindung zu schaffen. Lovepeace ist die neue Community (siehe auch unser Newsletter) von Greenpeace. Sie existiert in der heutigen Web 2.0-Form erst seit ca. 4-5 Monaten und ist seit kurzem auch auf Facebook und Twitter vertreten. Die Community hat 2’500 aktive Mitglieder, die entsprechende Facebook-Gruppe soll aktuell 300 (?) Mitglieder haben, zu denen täglich 30 weitere hinzukommen. Die Community wird mit einer 50%-Stelle betrieben.
Die Universität Zürich konnte eigentlich nur das Beispiel der Alumni beisteuern: so hatte die rechtswissenschaftliche Fakultät für ein Alumni-Haus innerhalb weniger Wochen 4 Millionen Franken gesammelt.
Die Caritas setzt auf Jugendmarketing, allerdings nicht über social media, sondern über die “youngCaritas”. Diese soll Beziehungen aufbauen zu sozial interessierten 16-25jährigen “SolidariTätern”, die sie in ihrem Engagement und bei Projekten unterstützt. Die jungen Menschen sollen die Caritas als modernen, dynamischen Partner erleben und dabei vom Caritas-Fan zum Multiplikator und schliesslich zum Spender werden.
Die Unterlagen der Referenten sollen in der nächsten Woche online abrufbar sein.
Fazit für uns:
Interessante neue Form, allerdings finden wir persönlich inhalts- und learningbezogene Workshops ergiebiger als Podiumsdiskussionen, in denen zwar viel über ein Thema gesprochen wird, aber doch relativ wenig Neues gelernt werden kann. Wir sind gespannt, was die anderen Teilnehmer meinen und wie der Swiss Fundraising Day 2010 aussehen wird.

