Mit ‘Spendermitbestimmung’ getaggte Artikel

Das Leben ist kein Beliebtheitswettbewerb. Oder doch?

Donnerstag, 11. März 2010

Spender wollen heute mitentscheiden, was wo gefördert werden soll. Dazu stellen sie ihre eigenen Aktionen ins Netz auf Portalen wie Helpedia oder sie stimmen ab, welche Förderprojekte ihrer Ansicht nach gefördert werden sollen. Viele Portale und manche NPO greifen diese Art der Publikumsabstimmung auf – der Blog Kampagne 2.0 stellt dazu eine interessante Frage im Rahmen des Trinkwasserprojekts von 2aid.org. Hier konnte Anfang Jahr abgestimmt werden, ob ein Brunnen in Kenia, Malawi oder Uganda gebohrt werden sollte und die 148 Twitpoll-User entschieden sich für Uganda. Was bedeutet, dass die Menschen in den anderen Ländern weiterhin ohne Brunnen auskommen mussten. Kampagne 2.0 fragt daher: «Auf welcher Grundlage entscheiden deutsche Internetuser, wo Hilfe am nötigsten und am besten geleistet werden muss?» und meint, dass solche Abstimmungen wie die von 2aid.org paternalistische Züge aufweisen und eher der alten Auffassung von Entwicklungshilfe («Wir wissen, was am besten für Euch ist.») entsprechen, anstatt der modernen Idee der Entwicklungszusammenarbeit.

Für uns stellt sich weiter die Frage, wann derartige Abstimmungen in ein vom TV her sattsam bekanntes «Gladiatorenformat» kippen. Wo jeder Teilnehmer um die Gunst der Jury/Zuschauer buhlen muss, um nicht abgewählt zu werden und um am Schluss zu gewinnen.

Der Grat ist schmal. Auf der einen Seite stehen die gefühlten menschlichen Bedürfnisse der Spender, mitzuentscheiden. Auf der anderen Seite die realen substanziellen Bedürfnisse der Projekte. Vielleicht sollte man hier von einem Entweder-Oder absehen, sondern ein Format wählen, in dem abgestimmt wird, wie eine bestimmte Summe unter verschiedenen Organisationen aufgeteilt wird?

Dazu auch ein Zitat von der amerikanischen Seite BestoftheWeb, das unser leichtes Unbehagen verdeutlicht:

«Wir haben einen Sieger…
Wir freuen uns, verkünden zu können, dass der gesamte Erlös der SES NY Charity Party an die Leukemia und Lymphoma Society geht. Es war ein sehr enges Rennen, aber nach wochenlangem Abstimmungskampf, verdrängte die Leukemia und Lymphoma Society die HMBANA Milk Banks mit nur 2% …»

Was meinen Sie? Ist der Spendenmarkt sowieso ein unbewusster «Beliebtheitswettbewerb», in dem süsse Kinder und Tierchen mit grossen Augen das Rennen machen vor unbequemen obdachlosen Alkoholikern? Ist es ganz gut, wenn dieser Beliebtheitswettbewerb öffentlich ausgetragen wird? Oder finden Sie es fragwürdig, wenn Leukämie gegen Morbus Crohn kämpft, Kenia gegen Uganda? Ist dieses Dilemma überhaupt lösbar – da es ja anscheinend auf der menschlichen Natur beruht?

Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!